In der deutschen Ausgabe des 2012 erschienen “After the War on Drugs. Blueprint for Regulation” (PDF) findet sich auch ein Statement des Geschäftsführers der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Raphael Gaßmann:
“Nach so vielen Jahrzehnten ergebnisloser Diskussionen sind wir nicht mehr an Glaubenssätzen, Meinungen und Allgemeinplätzen zur Prohibition interessiert. Wir erwarten Beweise. Für die Vorteile von Prohibition wurde noch kein einziger vorgelegt. Diejenigen dagegen mehren sich von Jahr zu Jahr. Ob uns das gefällt oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Es sei denn, Suchtpolitik wäre eine Geschmacksfrage.”
Diese richtige Äußerung Gassmanns läßt sich trefflich übertragen auf die aktuelle Diskussion über eine Studie aus den USA, in der 1037 Neuseeländer seit ihrer Geburt 1972/1973 begleitet wurden. Dabei fanden die Forscher der Universität Durham heraus, dass der IQ derjenigen Patientinnen und Patienten, die Cannabis seit mehr als 20 Jahren regelmäßig (mindestens vier Mal in der Woche) konsumieren und überdies bereits in der Pubertät damit angefangen hatten, beeinträchtigt war. Besonders stark, nämlich sechs IQ-Punkte, war der Effekt bei jenen, die bereits vor ihrem 18. Lebensjahr abhängig geworden waren. Dieses Studienergebnis stützt andere Untersuchungen, die negative Auswirkungen des riskanten Cannabiskonsums auf die Hirnentwicklung Heranwachsender belegen. Ganz ähnliche Befunde gibt es übrigens auch bei Alkohol.
Wer sich nun die Studie anschaut, stellt fest, dass sie noch eine Reihe weiterer interessanter Details enthält. So widerlegt die Studie beispielsweise die gängige These, regelmäßiger Cannabiskonsum würde das Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, exorbitant steigern. Im Durchschnitt erkrankt maximal einer von 100 Menschen daran. Verglichen damit entwickeln durch Risikofaktoren wie dem Leben in einer Großstadt oder eben starkem Cannabiskonsum etwa 1-2 Menschen im Laufe ihres Lebens eine Schizophrenie.
Robin Murray, einer der britischen Mitarbeiter der Studie sagt daher in einer Pressemitteilung der Universität Durham (USA):
We have known for some time that heavy use of cannabis increases risk of schizophrenia-like psychoses but this remains a relatively rare outcome so it’s not so important from a public health point of view.
In dieser Pressemitteilung sagen die Autoren noch weitere für die Rezeption der Studie wichtige Dinge:
Quitting or cutting down on cannabis later in life did not fully reverse the impact on those who started taking the drug in their early teens. But the study found no evidence of similar problems affecting people who only took up cannabis as adults.
Und Terrie Moffitt, eine Mitautorin der Studie, kommentiert so:
Participants were frank about their substance abuse habits because they trust our confidentiality guarantee, and 96% of the original participants stuck with the study from 1972 to today. It’s such a special study that I’m fairly confident that cannabis is safe for over-18 brains, but risky for under-18 brains.
Es stellt sich also die Frage, warum die Studie einen solchen Wirbel ausgelöst hat und warum der Spin der Geschichte geradezu dem Gegenteil dessen entspricht, was in der Studie (die ich übrigens hier gerne verlinken würde, es mangels öffentlichem Link aber nicht tun kann) steht.
Die Rezeption dieser Studie in den deutschen Medien ist überwiegend gleich. Dabei spielt es keinerlei Rolle, ob es sich um Qualitätsmedien oder reine Agenturaggregatoren handelt. Die Überschriften (und Meldungen) lauten ähnlich:
- “Kiffen macht dumm” Hamburger Abendblatt
- “Kiffen macht unwiderruflich dumm” Augsburger Allgemeine
- “Jahrelanges Kiffen läßt den IQ sinken” Spiegel Online
- “Kiffen macht langfristig dumm” Handelsblatt
- “Kiffen mindert das Denkvermögen” Kölner Stadt-Anzeiger
Dabei fällt die in diesem Zusammenhang entscheidende Information unter den Tisch: Das Studienergebnis läßt sich überhaupt nicht auf Konsumenten übertragen, die erst im Erwachsenenalter mit dem Konsum begonnen haben. Worum es manchem Journalisten dabei wirklich geht, verrät dieser Kommentar aus Schleswig-Holstein in der SHZ. Der Autor, immerhin Sprecher der dortigen Landespressekonferenz, sieht statt anständiger Recherche vor allem Stoff für eine Kampagne gegen die Landesregierung, bei der ihm der ehemalige sozialdemokratische Justizminister Uwe Döring bereitwillig beispringt. Das ist übrigens der Döring, der 2006 die geringe Menge in SH von 30 auf 6 Gramm gesenkt hat.
Nicht weniger dümmlich äußerte sich der so genannte Suchtbeauftragte der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung Wolfgang Kröhn. Die Pläne seiner Landesregierung seien Ausdruck einer “ideologischen Verklärung durch die Alt-68er” (Quelle).
Sei es drum. Cannabis ist keinesfalls ungefährlich, es gehört nicht in die Hände Jugendlicher. Und man sollte auch nicht der Versuchung erliegen, bei der Rechtfertigung auch kleiner Schritte zur Entkriminalisierung wie jetzt in SH mit einer vermeintlichen Harmlosigkeit zu argumentieren. (Die Entkriminalisierung verfolgt im übrigen auch nicht das Ziel, die Märkte harter und weicher Drogen zu trennen.)
Im Gegenteil: Gerade weil Cannabis vor allem für Jugendliche nicht ohne Risiko ist, sollten wir endlich wirksame Maßnahmen ergreifen, die riskanten Konsumformen einzudämmen und den Jugendschutz zu stärken. Die derzeitige Kriminalisierung leistet dies ganz offensichtlich nicht.
Es gibt starke Belege für die Einschätzung, dass die Strafbarkeit keinen Einfluss auf die Prävalenz des Konsums hat. So zeigt etwa eine Untersuchung der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle EBDD, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Strafmaß und Prävalenz gibt (Jahresbericht 2011, PDF, Seite 55). Die Forscher hatten Daten aus mehreren europäischen Ländern über einen Zeitraum von zehn Jahren vor und nach einer Änderung des Strafmaßes verglichen. Ähnliche Ergebnisse hatte auch ein Vergleich zwischen den Bundesländern in Deutschland. Und selbst die Bundesregierung gibt inzwischen zu, dass die staatsanwaltschaftliche oder gerichtliche Verfolgungspraxis keinen Einfluss auf den Konsum hat (PDF, Frage 15). Nebenbei: Bei einem Blick in diese Berichte erweist sich auch die oft (zuletzt von Döring in seinem Interview) geäußerte These, der THC-Gehalt sei um ein “Vielfaches” gestiegen, als Unfug. So heißt es im Reitox-Report (PDF, S. 214) der Deutschen Drogenbeobachtungsstelle:
Nachdem sich der mittlere THC-Gehalt im Haschisch von 2005 (8,6%) nach 2006 stark verringerte und mit 6,7% den niedrigsten Wert der letzten zehn Jahre erreichte, stieg er bis 2009 wieder auf 7,4% an und ist 2010 auf 6,8% gesunken. Im Vergleich mit den Angaben von 1997 zeigen sich insgesamt nur geringe Veränderungen, wobei der Wirkstoffgehalt des Marihuanas leicht gestiegen und der des Cannabisharzes sogar leicht zurückgegangen ist.
Doch selbst wenn dieser erheblich gestiegen wäre: Was haben die Kriminalisierung und der Schwarzmarkt eigentlich daran geändert? Ist es nicht vielmehr so, dass die faktische Nichtregulierung von Cannabis Schwankungen des Wirkstoffgehaltes sogar begünstigt?
Um zurück auf das Eingangszitat von Raphael Gassmann zu kommen: Die Diskussion zeigt in der Tat sehr gut, dass es um Glaubenssätze und ideologische Vorbehalte und im Falle des o.g. Journalisten von der Kieler SHZ, Peter Höfer, wohl auch um den Wunsch geht, geschützt aus der warmen Redaktionsstube Politik zu machen und das große politische Rad zu drehen.
Daraus folgen jedenfalls ein paar nicht ganz ernst gemeinte Merksätze für Abstinenzler:
- Studien läßt man besser ungelesen, man schreibt oder sagt aber möglichst viel darüber
- Paßt immer: Liberale Drogenpolitiker sind ideologische Alt-68er
- Empfiehlt sich auch: Der Wirkstoffgehalt von Cannabis ist gestiegen. Wenn irgend möglich noch das Wort “Gentechnik” oder “Genlabor” im Statement unterbringen.
Döring, der erwähnte ehemalige sozialdemokratische Justizminister in SH, meinte zum Abschluß des Interviews mit der SHZ:
Die Koalition wäre gut beraten, sich in dieser Frage nicht zu verkämpfen, sondern eine fachlich abgesicherte Debatte zu führen.
Genau darum geht es. Leute wie Döring, Kröhn und Höfer tun jedoch beständig des Gegenteil. Zeigen wir ihnen, dass wir es besser können. Wir haben gute Argumente für eine andere Drogenpolitik.
sehr schöner beitrag
Das ist mit Abstand die beste Zusammenfassung der ganzen Problematik, die ich je in deutscher Sprache gelesen habe!
Vielen dank für diesen Beitrag!