Bis heute sind die Ereignisse des Jahres 1992 nur unzureichend aufgearbeitet. Das schließt gerade auch die Aufarbeitung durch diejenigen ein, die gerne auf andere zeigen: die Medien.
An kaum ein Ereignis erinnere ich mich als Rostocker mit so großer Scham wie an die Ausschreitungen 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Ich war erschüttert und habe “mein” Rostock kaum noch wieder erkannt. Es war für mich der Höhepunkt einer Entfremdung, die im Frühjahr 1990 ihren Anfang nahm, als sich erwachsene Rostockerinnen und Rostocker vor meinen Augen um die aus einem PR-Truck geworfenen Schokohäppchen eines bekannten westdeutschen Kakaofabrikanten balgten.
Bis heute sind die Ereignisse des Jahres 1992 nur unzureichend aufgearbeitet. Dabei meine ich an dieser Stelle weniger , wann wer was getan oder unterlassen hat. An der Klärung dieser Frage haben CDU und FDP schon den Untersuchungsausschuss des Schweriner Landtages erfolgreich scheitern lassen. Ich meine die Aufarbeitung von (nicht unbedingt nur justiziabler) Verantwortung. Ich meine auch die Aufarbeitung der Rolle derjenigen, die bevorzugt von Berufs wegen auf andere zeigen: die Medien.
So kommentiert heute (am 22. August 2012) die Rostocker Ostsee-Zeitung:
Rostock, heute vor zwanzig Jahren: Vor dem Sonnenblumenhaus im Stadtteil Lichtenhagen rottet sich ein rechter Mob zusammen, um Ausländer zu verjagen, die in Deutschland eigentlich Schutz und Hilfe gesucht hatten. Die Stimmung ist aggressiv, Gewalt liegt in der Luft. Etwa 150 jugendliche Neonazis versuchen, die überfüllte Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern zu stürmen, schleudern Steine und Molotow-Cocktails auf das Heim – und auf die Handvoll Polizisten, die versuchen, die Menschen in dem Gebäude mit ihren Leibern zu schützen.
Verstärkung lässt lange auf sich warten. Bald brennen Autos, fliegen Leuchtraketen. Und mehr als tausend brave Bürger stehen drum herum und applaudieren, finden offenbar ganz gut, was da passiert, geben den rechten Angreifern Deckung und Rückhalt. So begannen mitten in einem Wohngebiet die schwersten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte, die vier Tage lang andauerten und weltweit für Abscheu und Entsetzen sorgten. Vier Tage entfesselter Gewalt, geprägt von Fremdenhass, Versagen der Polizei und hilflosen Politiker-Reaktionen. Sie endeten damit, dass die Fremden aus der Stadt entfernt wurden, während die politisch Verantwortlichen gebetsmühlenartig den Image-Schaden beklagten, anstatt nach den Opfern zu fragen.
Besonders der letzte Satz amüsiert oder erschüttert mich. Denn es war niemand anderes als ein Journalist eben jener Ostsee-Zeitung, der in einem Kommentar am 24. August 1992 die nach seiner Auffassung an den Ausschreitungen Schuldigen aufgezählt hatte:
Natürlich muss man da zuvorderst die Beteiligten an den Krawallen nennen. Sowohl jene, die sichtlich zur organisierten Szene gehören als auch jene Zwölf- bis Fünfzehnjährigen und andere, die einfach nur ein bißchen “Mitmischen” wollten. Natürlich muss man auch die Ausländer nennen, vor allem die Sinti und Roma, die durch ihr Verhalten in den vergangenen Monaten die Nerven der Einwohner bis aufs äußerste reizten. (…)
In der Tat, es wird nicht nur nicht nach den Opfern gefragt, sie werden flugs sogar zu Tätern umdefiniert. Und in einem weiteren Artikel in derselben Ausgabe werden die Opfer erst gar nicht mehr erwähnt:
Bleibt die Frage: Wann handeln die Politiker? Warum überhaupt kam die ZAST mitten ins Wohngebiet? (…) Doch gibt Enttäuschung das Recht zur Gewalt? Verdient es Beifall, wenn Steine fliegen und Brandflaschen? Wenn Polizisten zu Sündenböcken gemacht werden?
Aber die Ostsee-Zeitung war keineswegs das einzige Blatt, das damals Stimmung gemacht hatte. So schrieb am 25. August 1992 ein auch heute noch in leitender Position bei der Schweriner Volkszeitung tätiger Journalist:
In der Asylpolitik hat sich seit einem Jahr nichts getan. Nur Geschwätz. Dafür wählt und bezahlt der Steuerzahler die Politiker jedoch nicht. Sie sollen Gesetze veränderten Situationen anpassen. Und da ist es dem Bürger egal, wer für die mißlungene Asylpolitik verantwortlich ist. […] Wenn man jedoch in Schwerin seine Häuptlinge in Bonn nicht zur Änderung des Asylrechts bewegen kann, dann muß man entweder Politik unter diesen Umständen ablehnen oder man muß für eventuelle Begleitumstände dieser Politik gewappnet sein.
[Zitiert nach: Thomas Prenzel (Hg.): 20 Jahre Lichtenhagen. Kontext, Dimensionen und Folgen rassistischer Gewalt. Rostock 2012; PDF]
Die selbe Zeitung (bzw. deren Rostocker Ableger NNN) titelte am 19. August, also wenige Tage vor Beginn der Ausschreitungen:
Anonymer Anrufer kündigt heiße Nacht an. Gerät das Asylantenproblem außer Kontrolle?
[Zitiert nach Prenzel 2012]
Der verantwortliche Redakteur ist heute Pressesprecher einer großen Rostocker Institution.
Dazu in einem seltsamen Kontrast stand übrigens die Reflektion der großen Gegendemonstration am 29. August in Rostock-Lichtenhagen, an deren Organisation ich beteiligt war. Viele Rostockerinnen und Rostocker fanden nicht den Mut, daran teilzunehmen. Daran hatten auch die Medien (inkl. Lokalpresse) ihren Anteil, weil sie die Gefahr von Ausschreitungen in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung stellte. Ich erinnere mich noch an ein Interview mit dem Sender RTL, der schon am Freitag früh seine Gerätschaft auf dem Dach eines umliegenden Hauses plaziert hatte. In diesem Interview ging es lediglich um Warnungen der Polizei vor “linken Chaoten”, das Anliegen der Demonstration spielte keine Rolle.
Das Problem mangelnder Aufarbeitung ist übrigens nicht auf die Lokalpresse beschränkt. Die “Das Boot ist voll”-Symbolik wurde bis weit in die so genannte Qualitätspresse hinein aufgegriffen. Noch gut in Erinnerung ist mir ein Titel des Spiegel von 1991 zu diesem Artikel:
Heute erinnert der SPIEGEL ausschließlich andere an deren Verantwortung und beklagt “das große Verdrängen”. Die Rolle der Medien bleibt dabei unbeleuchtet.
Bislang keine Aufarbeitung
Thomas Prenzel kommentiert das Verhalten der Lokal- und Landespresse in der schon genannten Untersuchung der Universität Rostock von 2012 (PDF):
Die Lokalpresse bewies nicht nur mit dieser neuen Kritik an der Gewalt ihre Verbundenheit mit der Bevölkerung. Seit Beginn der Ausschreitungen hatte sie neben Meldungen über die Empörung aus der Politik jene Stimmungsberichte aus der Bevölkerung gesetzt, in denen die Ereignisse in Lichtenhagen gutgeheißen und als notwendig befunden wurden. „Wenn die Politiker nicht imstande sind, in Lichtenhagen für Ordnung zu sorgen, muß sich der gemeine Bürger eben selber zur Wehr setzen“, war am Montag nach Beginn des Pogroms zu lesen, oder neben einer Chronologie der Gewalt, die sich wie der Bericht eines abenteuerlichen Spiels liest: „Wann ziehen die Politiker endlich Konsequenzen? Müssen wir uns selbst wehren?”. Zwischen der Reproduktion bekannter Ressentiments verschwamm in der Berichterstattung die Grenze der Legitimation von Gewalt. Schuld an den Ausschreitungen seien die Ausländer gewesen, die sich nicht angepasst, und besonders die Politiker, die sie ins Land gelassen hätten.
Es ist nicht Anliegen dieses Blogbeitrags, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich will auch nicht ausschließen, dass der eine oder andere Journalist sein damaliges Wirken kritisch reflektiert hat. Dennoch entbindet dies auch die Medien nicht davon, ihre Rolle kritisch und transparent aufzuarbeiten. Davon ist allerdings bislang nichts zu erkennen. Es hat in den ganzen Jahren nach 1992 einen einzigen öffentlichen Versuch gegeben, insbesondere die Ostsee-Zeitung in einer öffentlichen Diskussion zu einer kritischen Würdigung ihres eigenen Verhaltens zu bewegen. Soweit ich mich erinnere, hat sich der damalige Chefredakteur zu keiner Selbstkritik hinreißen lassen. Mit schlimmen Folgen: Bis heute wird in wohlfeilen Sonntagskommentaren allein die Verantwortung der Politik bekräftigt. Das ist mir zu wenig.
[Update 24. August 2012: ]Das Rostocker JAZ (Jugendalternativzentrum) hat eine Dokumentation von Artikeln regionaler und überregionaler Zeitungen sowie weiteren Quellen aus der betreffenden Woche und danach zusammengestellt. Schön ist daraus unter anderem dieser “Aufruf” des damaligen Rostocker Oberbürgermeisters Dr. Klaus Kilimann (SPD), in welchem er bei den Rostockerinnen und Rostockern dezent dafür warb, der großen Gegendemonstration in Lichtenhagen fernzubleiben. Und wenig schmeichelhaft ist auch diese Erklärung des Rostocker Senates (der Stadtverwaltung). Die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel taucht ebenfalls in der Dokumentation auf. Sie schaute als damalige Jugendministerin mal kurz bei den “Opfern” aus der rechten Szene vorbei. [/Update]

“Daran hatten auch die Medien (inkl. Lokalpresse) ihren Anteil, weil sie die Gefahr von Ausschreitungen in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung stellte.”
Dasselbe Spiel mit dem Namen “Ruhe ist die erste Bürgerpflicht” spielte die OZ auch 2007 vor dem G 8-Gipfel in Heiligendamm. Auch damals wurde Angst geschürt, um die Leute vom Demonstrieren abzuhalten:
http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2007/04/konzentrationsprozess.html
http://www.ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2007/05/so-wird-vereint-eingeschchtert.html
http://ostsee-zeitung-blog.blogspot.de/2007/05/peinliche-einseitigkeit.html
Da ist es nur normal, dass die Chefredaktion nicht selbstkritisch war, ist und sein wird.
Ein sehr interessanter Artikel, vielen Dank auch für die sauberen Quellenangaben.
Guter Artikel!
Könntest du mir sagen wie dein Twitter/Facebook Plug-in heißt? Ich finde es klasse, dass man das erst aktivieren muss bevor man direkt mit Facbook usw. verbunden ist und würde es ggf. auch auf meiner Seite verwenden.
Das Ding heißt “2 Klick Social Media Button”.
Dem Aufruf des SPD-OBs vorzuwerfen, Leute von der Gegendemo fernhalten zu wollen finde ich reichlich dünn…
Ich lese da eher eine Mahnung zur Gewaltfreiheit an eben jene, die hingehen…
Sonst ein guter Artikel.
Nö, da muss man den Kontext sehen. Der damalige SPD-OB hat eben nicht für die Teilnahme an der Demo geworben. Er hat nicht gesagt, “Leute geht da hin. Zeigt gewaltfrei, dass Rostock anders ist”. Das ist der entscheidende Punkt.
klare worte von klaus schröder
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/08/22/dlf_20120822_1241_808b9f57.mp3
das muss man ja wohl mal sagen dürfen
Ja, darf man. Ich würde Schröders Diagnose in Teilen unterstützen. Man muss aber dazu sagen, dass der Staat damals zu einem nicht unerheblichen Teil von verantwortungslosen Barschelinskis aus Schleswig-Holstein repräsentiert wurde. Die haben nicht geklatscht, aber sie haben das Unheil ebenso wie überforderte Kommunalpolitiker in Rostock vielleicht sogar in Kauf genommen: der damalige Ausländerbeauftragte des Landes (und gleichzeitig Chef der Ausländerabteilung im Innenministerium), der damalige Innenstaatssekretär etc.
Das wäre heute sicher anders. Heute ist die Zivilgesellschaft auch kräftiger und vor allem mutiger als 1992. Damals haben sich viele nicht getraut, am Ort der Ausschreitungen Flagge zu zeigen, sondern sind stattdessen mit Kerzen durch die Innenstadt gezogen. Damit hätte man nichts rückgängig gemacht, aber es wäre deutlicher geworden, dass zumindest viele Rostocker das ablehnen.
ich hätte jetzt auch den hintergrund politik (http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/08/24/dlf_20120824_1840_97860fe7.mp3) von gestern oder hr2 der tag (http://mp3.podcast.hr-online.de/mp3/podcast/derTag/derTag_20120822.mp3) posten können … aber ich finde, klaus schröder sagt es so, wie ich es damals empfunden habe.
auch wenn geissler heute bei attac ist – sein “asylanten” werde ich ihm nie verzeihen. mir ist also schon klar, daß das nur das ergebnis einer geraden linie ist, die nach lichtenhagen führt, aber – sorry, einen so enthemmten mob habe ich im westlichen teil der republik nicht erlebt.
wobei ich natürlich auch mit namen wie michael kühnen etc vertraut bin und die vorgeschichte durchaus kenne …
Schröder hat recht. Aber es reicht nicht, dass nur auf die fehlende Zivilgesellschaft und einen in der DDR erworbenen Rassismus zu schieben. Kordus, Rusche, Deckert, Baltzer waren keinen “unzivilisierten” Ostdeutschen, sondern westdeutsche Barschelinskis bzw. Beamte. Auch denen kam vermutlich zupass, dass es kaum eine Zivilgesellschaft gab.
jörg, ich verstehe, was _du_ sagen willst. verstehst du auch, was _ich_ sagen will? wir erlauben es uns seit 20 jahren _nicht_ darauf hinzuweisen, daß es so etwas wie eine zivilgesellschaft in der “ostzone” eben nicht gab. es gehört zur sog “PC”, immer so zu tun, als habe es in der DDR ein 68er erlebnis gegeben – nur, äh, das hat es nicht.
die behebung eines problems beginnt damit, dass man es benennt – und endet, wenn direkt am anfang mit dem finger zurück gezeigt wird mit dem satz “die haben aber auch …”
daß es hier nazis gab – ooops, keine überraschung. in dem ort, aus dem ich komme, hat die wehrsporttruppe hoffmann im wald trainiert und die landesvorsitzende der NPD wohnte neben einem freund … ich weiss also, daß es hier welche gab und deshalb habe ich michael kühnen name-gedropped.
aber, daß es im osten keine verankerte zivilgesellschaft gibt, sorry, das muss man halt auch in aller deutlichkeit sagen, sonst fällt dieser wesentliche aspekt unter den tisch.
ps: und sag jetzt bitte nicht, daß sei nicht so. wenn ich das recht sehe, sitzt die npd _nur_ im osten des landes in den parlamenten.
Und holt aber auch schonmal im Saarland 4,9% – oder die DVU war (?) jahrelang in Bremen vertreten. Damit will ich nicht dran rütteln, dass es eben nicht diese Zivilgesellschaft wie in den alten Bundesländern gab – das ist natürlich so – aber wenn man sich bspw. mal die NPD in Sachsen ansieht: alle Köpfe kommen aus dem Westen. Da sitzen natürlich auch gebürtige Sachsen im Landtag – aber eben nur, weil man der sächsischen NPD nicht verkaufen konnte, warum auf einmal nur “die Bonzen” in den Landtag einziehen sollen. Hinter der Bühne sitzen trotzdem fast ausschließlich Leute aus den alten Bundesländern, die das Klima in den neuen Bundesländern für sich auszunutzen wissen.
@sue
es ist nicht so, daß eine wahrheit eine andere ausschlösse, natürlich stimmt das alles und die sache ist komplexer, als man sie in einer reply auf eine post in einem blog klären könnte. es gibt jedenfalls kein entweder oder in dieser frage.
@jörg
man wollte damals ja niemandem weh tun, schon gar nicht unseren “brüdern im osten”, die so lange gelitten hatten etc pp. wir hielten es schon für das richtige maß an integration, daß sich jeder jetzt eine schüssel aufs dach machen kann
immerhin hat gauck heute ja klare worte gefunden.
zu pfeiffer (und im moment wohl spitzer) auch wenn die ggfl. übertreiben, wir erschlagen gerne schon mal die boten, wenn uns die message nicht passt.
@ Hardy
Wie gesagt, ich gebe Dir recht. Es greift aber nach meiner Auffassung zu kurz, das daran festzumachen, wer wo im Parlament sitzt.
@ Hardy
Yupp. Ich verstehe Dich und stimme Dir zu: Man traut sich nicht, auf den Zusammenhang zwischen autoritärer Gesellschaft und heutigen Einstellungen hinzuweisen.
Vor einigen Jahren hat Pfeiffer das mal in seiner sehr arroganten Art getan und ein entsprechendes Echo geerntet. Ich denke, dass das leider kaum einer hören möchte. Es gehört ja inzwischen leider zum Handwerkszeug eines maßgeblichen Politikers im Osten, diese Defizite unter den Tisch zu kehren oder oder schlicht das Gegenteil zu behaupten. Man denke nur an die Debatte darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen ist. Da haben Leute wie Sellering aus Unkenntnis oder Opportunismus leider viel Schaden angerichtet.
Nach meiner Erfahrung fehlt hier einfach noch immer eine libertäre, selbstbewusste Mittelschicht, die den Ton angibt und eine Zivilgesellschaft ausmacht. Alter Untertanengeist hat – wie bereits nach dem 3. Reich erlebt – eine lange Halbwertzeit und wird erst mit der Zeit abgebaut. Faschistoides Denken in Teilen der Gesellschaft ist da keine Überraschung, insbesondere, wenn sich demokratische Defizite mit wirtschaftlichen Abstiegsängsten summieren.
ekkard,
das problem ist ja, das sich so etwas nicht “von selbst” schafft.
in den frühen 70ern saßen wir an den tischen unserer väter und haben gefragt, “na, was hast du den so gemacht, damals …”. vorangegangen war der auschwitz prozess, der das problem für meine generation “virulent” machte.
der rest ist das, worüber die einen glauben einen verlorenen krieg neu spielen zu müssen (die 68er sind an allem schuld) und die anderen nicht verstehen, daß dieser “krieg” eben gewonnen ist und wir bloß nichts mit dem “sieg” anfangen können, ausser ihn halt täglich zu leben
.
wie stellst du dir das also im “osten” vor?
im grunde müsste es parallel etwas geben, was den leuten noch mal veranschaulicht, an welcher art “verbrechen” sie durch reines stillhalten oder eben mitmachen beteiligt waren. (keine panik – ich kenne den unterschied zwischen ns und ddr-system, auch, wenn ich die järhlichen paraden und dese fdj-uniformen schon irgendwie “komisch” fand)
eine generation von jungen menschen müsste also mit einer alten generation “abrechnen”. kann ich so leider (noch) nicht sehen. eher, daß sie sich damit abgefunden haben, daß es unter’m honny nicht so schlimm waren und er ja die autobahnen … oops, das war der andere.
du verstehst aber, worauf ich hinaus will: es leben noch zu viele, die vom unrechtstaat “profitierten”, und zu wenige, die an expliziten verbrechen beteiligt waren.
Sehr richtig, interessante Antwort, danke.
Ein guter Artikel, aber auch eine interessante Kommentardiskussion, in der ja vielfältig über mögliche Gründe geredet wird.
Nur sehe ich es persönlich als weit zu kurz gegriffen, wenn man als Hauptgrund immer auf die gesellschaftlichen Werte in der DDR zurückkommt. Selbstverständlich wird sie, speziell in den neuen Bundesländern, immer mit zu den treibenden Kräften gehören, die am Ende zu solchen schlimmen Ereignissen führen können.
Aber der Auslöser, der schon viel früher und viel profaner gesähte Samen, ist aus meiner Sicht einen ganz entscheidenden Faktor, der immer am Anfang einer Kette von Schritten steht, die zu so solch einer schlimmen Tat führen kann.
— ANGST —
“Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.”
Kitschig, aber im Kern korrekt, was Yoda einst sagte.
Warum bauen die Amerikaner einen riesigen Schutzwall entlang California, Arizona, New Mexico und Texas, welchen sie mit schwerstbewaffneten Grenzsoldaten bewachen lassen?
Weil sie Angst haben, dass die Mexikaner sie überrennen, ihnen die Arbeit wegnehmen, sie beklauen und berauben und ihren “Way of Life” zerstören!
Warum demonstrieren so viele Menschen, von denen die meisten auf keinen Fall Rechtsradikale sind, in Nordrhein-Westfalen gegen den Bau einer Moschee?
Weil sie Angst haben, dass Deutschland “muslimisiert” wird, dass unsere Abendland-Tradition zerstört und unser ach so tolles Rechte- und Wertesystem unterwandert wird! Das führt inzwischen soweit, dass wir Angst haben vor einem einfachen Buch, welches uns in der Fußgängerzone angeboten wird, oder dass wir Angst haben vor einem Salafisten, der (natürlich gaaaaanz alleine) den neuen Flughafen bei Berlin bewacht, und somit so VIELE Möglichkeiten hat, den Flughafen in die Luft zu sprengen. Denn Muslime und Luftfahrt, dass endet ja immer im Terror. (Wieder ein Angstzustand)
Und warum standen so viele Menschen vor 20 Jahren dabei und klatschten und unterstützten die Nazis bei ihrem Pogrom?
Weil sie Angst hatten! Sie hatten Angst, dass diese ach so bösen Ausländer die inzwischen so wenigen Jobs weg nehmen, dass sie ihr schönes Wohngebiet verdrecken und das sie die Kriminalität mitbringen. Und diese Angst wurde damals durch die Politik und den Medien mehr als nur bestärkt. Und als dann der Mob anrückte, da waren viele begeistert – endlich mal welche die durchgreifen und für Ruhe und Ordnung sorgen.
Welche Erziehung und welche gesellschaftlichen Werte einem in welchem politischen System auch immer vermittelt bekommen hat, spielt in so einer Situation nur noch die 2. Geige. Die Angst übersteigt alles.
Was will ich damit sagen?
Es darf nicht das Ziel sein, dass wir einfach nur die Rechtsradikalen bekämpfen sowie in Ostdeutschland eine westliche Zivilgesellschaft einrichten und glauben, damit würde so ein Ereignis wie vor 20 Jahren nie wieder passieren. Wir müssen die Angst vor dem Fremden und dem für uns Unpassenden besiegen. Aber genau das gegenteilige passiert aktuell, speziell in Europa:
ANGST, dass der faule Grieche uns in den Ruin treibt!
ANGST, dass der Iran uns mit einer Atombombe auslöschen wird!
ANGST, dass die dekandenten ALGII-Empfänger zuviel Geld bekommen, und wir dann nichts mehr haben!
Und jeder sollte sich selbst einmal überlegen, wo er – zum Beispiel aufgestachelt durch die Medien, egal ob Print/TV oder Internet – selbst Argwohn oder Unsicherheit gegenüber einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen gebildet hat, die er bis dato garnicht richtig kennen gelernt hat. Ich bin mir sicher, jeder hat das schonmal.
Am Anfang zu 99% harmlos, aber sobald die Angst auf die richtigen Brandbeschleuniger trifft, kann sich so ein schlimmes Ereignis wiederholen, überall auf der Welt – und das tut es…
robert,
>> Was will ich damit sagen?
natürlich ist am ende das, was du “angst” nennst, einer der instinkte, die den mob auf die strasse treiben. sie hat ja – positiv gewendet – auch “uns” in den 80ern auf die strasse getrieben, als hier mittelstreckenraketen stationiert werden sollten.
auf der anderen seite war es aber auch die “angst”, die jahrzehntelang dafür gesorgt hat, daß der “gemeine wald und wiesen ossi” (sorry for that) schön zuhause geblieben ist, während angstfreie hippies, punks und “asoziale” ende der 90er auf die strasse gingen und “die mauer muss weg” skandierten.
weil, darüber sind wir uns hoffentlich einig – nicht DER bürger der DDR ist auf die straße gegangen, sondern es war eben die “subkultur”, die dafür gesorgt hat, daß die mauer fällt. der einfache bürger ist erst mitgelaufen, als die parade schon auf der straße stattfand.
es gibt also offensichtlich etwas, was die angst überwindet, aber es findet nicht im “mainstream” statt, es wird von der “subkultur” initiiert und dann “übernommen”.
in lichtenhagen hat auch eine “subkultur” dem verängstigten bürger eine gelegenheit geboten, sich mal als “mainstream” zu fühlen.
angst alleine kann es nicht sein. es spielten auch faktoren wie gesellschaftlicher “common sense” oder schlicht “anstand” eine rolle, oder?.
schande … ende der 80er ‘türlich …
Die deutschen Medien heizen seit eher jede Stimmun, egal wie dämlich oder gefährlich sie sein mag zunächst an, schlicht weil es Auflage bringt. Von der Verantwortung der 4ten Gewalt ist im Komerz nichts mehr übrig.